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Willkommen bei der Streicherakademie Hannover | mit freundlicher Unterstützung von

Musikklasse

Streicherklasse in der Grundschule – ist das möglich und sinnvoll?
Erfahrungsbericht über das 2011 erstmalig durchgeführte Streicherklassenprojekt der Streicherakademie Hannover an der GS Grimsehlweg von Marie-Luise Jauch

Vorbemerkung

Ich gebe zu, dass ich lange um das Thema Streicherklassen geschlichen bin. Vor ca. zehn  Jahren fragte mich der im Ministerium  zuständige Referent Hans Walter, der seinerzeit die Bläserklassen „erfunden“ hatte, was ich von Streicherklassen hielte. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es möglich sei, mit Großgruppen zu befriedigenden Ergebnissen im Instrumentalspiel auf Streichinstrumenten zu kommen. Die Materie erschien mir so komplex und individuell,  dass ich es nicht für möglich hielt,  mit vielen  Schülern gleichzeitig zu arbeiten.
Trotzdem ließ mich das Thema nicht los, weil ich die Effizienz verlockend fand, die sich durch Gruppenunterricht erreichen lässt, und mich überdies die Herausforderung an die violinpädagogischen Fähigkeiten reizte.
Die Neugierde ging jedoch nie so weit, dass sie Selbstzweck wurde und mich bei meinen Überlegungen mein eigentliches künstlerisch pädagogisches Ziel aus den Augen verlieren ließ.
Mir reichte es also nie, Kinder mit Streichinstrumenten in Berührung zu bringen, nur um ihnen mal zu zeigen, wie schwer es sich anfühlt mit einem Instrument,  um – wie man oft sagt- sie mal „schnuppern“ zu lassen. Dazu sind die Zeit, die Kraft und die Energie, die man als Lehrer gerade in den Anfängerunterricht investiert, meiner Meinung nach zu schade, als dass man es von vornherein als Experiment betrachtet. Mir war immer wichtig, leistungsstarke Instrumentalisten und gute Musiker auszubilden; jeden natürlich nach seinen Möglichkeiten. Daher sollte der Versuch eine gute Chance haben zu gelingen. Meine langjährige Unterrichtserfahrung mit unterschiedlichsten Schülern sowohl vom Alter als auch von der Begabung hatte mich gelehrt, dass viele Dinge, die man als Musiker für selbstverständlich hält, für die Mehrzahl der Menschen alles andere als selbstverständlich sind. Hier galt es, das Minimum an notwendigen Voraussetzungen heraus zu finden.
Diese Vorbedingungen, die das Kind selbst erfüllen sollte, bevor es überhaupt die Möglichkeit des Erfolges- nicht die Garantie- hat, das komplexe Handwerk des Streichinstrumentenspieles zu erlernen, sind heute weniger denn je selbstverständlich. Das hatte mir meine mehr als 10-jährige Unterrichtserfahrung mit Schulgruppen in dem Projekt „Lernen durch Musik und Bewegung“ der Streicherakademie Hannover gezeigt. Das Ziel dieses Wochenprojektes  ist, in einem ganzheitlichen Ansatz basale musikalische Inhalte zu vermitteln in Kombination mit notwendigen Bewegungen und Körperübungen.
Zu den für das Streichinstrumentenspiel notwendigen Voraussetzungen gehört im Wesentlichen eine gesunde Motorik. Jedes Instrumentalspiel  ist Bewegung. Außerdem brauchen die Kinder die Fähigkeit, Tonhöhen zu identifizieren und durch Singen wiederzugeben. Nicht zuletzt ist das  Rhythmusempfinden zu nennen.
Alle drei Komponenten, die Motorik , das Tonhöhen- und Rhythmusverständnis werden neben vielen anderen Fähigkeiten im Instrumentalunterricht natürlich weiter ausgebildet, sollten aber in der Anlage vorhanden sein.
Neben diesen grundsätzlichen Anforderungen an jedes einzelne Kind, ohne dessen Bewältigung das Projekt kaum eine Chance hat zu gelingen, gab es etliche andere wichtige Fragestellungen, die sich hauptsächlich auf die Methodik des Unterrichtes und die Integration in den Schulalltag beziehen. Alle Modelle und laufenden Projekte, die ich kennen gelernt hatte, erfüllten meine Erwartungen und Ansprüche nicht. Es gab also keine Vorbilder, die man imitieren konnte. Auch die Musikhochschulen sind aus den genannten Sachgründen auf der Suche, wie man den von den Musikschulen geforderten Bedarf an Lehrern, die Gruppen unterrichten können, lösen kann. Die Streicherklasse mit diesem Anspruch war also spannendes Neuland.

Streicherklassenmodell der Streicherakademie Hannover

Unser Modellversuch erstreckte sich auf ein Jahr, das bei Erfolg möglichst bis zum Ende der Grundschulzeit fortgesetzt werden sollte.

Folgende Fragen, die sich im Laufe des Projektes eventuell ändern oder erweitern konnten, galt es im Vorfeld zu beantworten.

1.Welche Fähigkeiten muss das Kind mitbringen?
2.In welchem Jahrgang bzw. Klasse soll das Projekt beginnen?
3.Welche zeitliche Struktur sollte der Unterricht im Stundenplan haben?
4.Wie sollte ein Unterricht im Detail ablaufen?
5.Wie kann eine Nachhaltigkeit gelingen?
6.Wie geht man mit unterschiedlichen Begabungen und Fleiß um?
7.Wie geht man mit Disziplinproblemen in der Gruppe um?
8.Wie lässt sich das Projekt in den Schulalltag integrieren?
9.Wie lässt dich das Projekt finanzieren?

1. Welche Fähigkeiten muss das Kind mitbringen?

Wie schon in der Vorbemerkung erwähnt müssen die Kinder eine gesunde Motorik, die Fähigkeit, Tonhöhen zu identifizieren und möglichst durch Singen wiederzugeben und ein gutes Rhythmusgefühl mitbringen. Das Singen spielt in dem Zusammenhang der Tonhöhenidentifizierung insofern eine wichtige Rolle, als es für den Lehrer die einzige Möglichkeit der Kontrolle ist. Es kommt sehr selten vor, dass Kinder zwar hören aber nicht singen können, aber niemals, dass Kinder sauber singen aber nicht hören können.

Meine Erfahrung, dass Kinder zunehmend motorische Schwächen haben und sauberes Singen den wenigsten auf Anhieb gelingt, ließ nur den Schluss zu, dass wir innerhalb des Streicherklassenprojektes diese notwendigen Fähigkeiten selbst ausbilden müssen. Mit den Instrumenten zu starten ohne die Gewissheit zu haben, dass die körperlichen und musikalischen Voraussetzungen weitgehend vorhanden sind, erschien mir  wie  vorprogrammiertes Scheitern. Meine Erfahrung führte allerdings auch zu den Erkenntnissen, dass erstens nicht jeder geeignet ist, ein Streichinstrument zu lernen dass zweitens musikalisches Lernen dem Sprachen Lernen sehr ähnlich ist, dessen Erfolg wesentlich von der Quantität abhängt.
Die Lösung bestand darin, dass wir das einjährige Projekt in zwei Phasen gliedern, die jeweils ein Schulhalbjahr dauern. Gleichzeitig änderten wir den ursprünglichen Namen „Streicherklasse“ um in „Musikklasse“.

Phase 1 „Vorbereitungsklasse Musikklasse“

In Phase 1 lernen alle Kinder gemeinsam. Hier geht es um grundlegende musikalische Arbeit: Körperhaltung, Atmung, Stand, Tonhöhenvorstellung und stimmliche Umsetzung, Pulsempfinden, Einfügen in ein Metrum, rhythmische Erfahrungen.

Die von der Streicherakademie praktizierte Methode der relativen Solmisation kommt hier zur Anwendung.
Die Kinder der Musikklasse erhalten drei Stunden Musikunterricht. Neben einer Stunde regulären Musikunterrichtes im Klassenverband, erhalten die Kinder eine Stunde Solmisationsunterricht. Hier lernen die Kinder die Singnamen, Hand-  und Schriftzeichen. Gleichzeitig bietet die Solmisation die idealen Voraussetzungen, Strukturen von Musik zu verstehen, was später im Instrumentalunterricht wichtig ist für das Auswendig Lernen. Sowohl die Kleinstbausteine von Musik, nämlich Intervall- Akkord- und Kadenzstrukturen als auch die größeren musikalischen Abschnitte und der Gesamtaufbau eines Musikstückes können mit Hilfe der Solmisation kinderleicht verständlich gemacht werden. Außerdem bietet die  Solmisation von der ersten Stunde an die Möglichkeit, dass die Kinder selbst improvisieren und erfahren, wie sie mit Hilfe der Handzeichen andere Kinder anleiten können.
Die dritte Stunde (Singen/Bewegen/Rhythmus) ist Unterricht, in dem im Chor Lieder und Bewegungen erarbeitet werden.
In beiden Fächern findet auch rhythmische Arbeit statt. Sowohl das Tonhöhen Hören und Singen als auch die rhythmische Arbeit erfolgen zunächst praktisch dann aber auch schriftlich mit den Handzeichen entsprechenden schriftlichen Zeichen und einer einfachen aus Wörtern mit entsprechenden Silben bestehenden Rhythmussprache. Hier werden die Kinder gezielt auf den Instrumentalunterricht vorbereitet, in dem es natürlich auch wichtig ist, dass man Musik lesen lernt.
Außer diesen drei Stunden Musikunterricht erhalten die Kinder einmal wöchentlich Stimmbildung in Kleingruppen. Dieser Unterricht findet parallel zu den Musikstunden statt, so dass im Wechsel immer einige Kinder in die Stimmbildung gehen. Die Stimmbildung ist wesentlicher Bestandteil des Projektes, da hier die Zeit ist, die Kinder individuell und gezielt zu fördern. (Kopfstimme, Stimmsitz, Lösen von Blockaden, Atmung, Tonhöhen u.a.)
Gegen Ende der Vorbereitungsklasse werden den Kindern die Streichinstrumente Violine und Violoncello vorgestellt. Dies erfolgt sowohl im Rahmen eines kleinen Konzertes als auch in einer sich anschließenden Unterrichtsstunde, in der beide Instrumente ausführlich ausprobiert werden können. Gleichzeitig werden Schüler und Eltern aufgeklärt, was es bedeutet, ein Streichinstrument zu lernen; dass dies ein sehr zeitaufwendiges Unterfangen ist,  das einen langen Atem und eine kontinuierliche häusliche Mitarbeit der Schüler und auch die Zusammenarbeit mit den Eltern voraussetzt. Je nach Neigung kann nun zwischen Geige, Cello oder Gesang/Chor gewählt werden. Wir behalten uns jedoch vor, Kinder abzulehnen, die wir für ungeeignet halten für ein Instrument. Die Streicherkinder unterschreiben einen Vertrag, in dem sie sich verpflichten, täglich zehn Minuten das Instrument zu üben.
In dem nun folgenden zweiten Teil, dem nächsten Schulhalbjahr, teilt sich die Gruppe in Chorklasse und Streicherklasse. Der Chorunterricht führt die Ausbildungsinhalte der Phase 1 weiter.

2. In welchem Jahrgang bzw. Klasse soll das Projekt beginnen?

Da wir im schulischen Rahmen anders als im privaten Einzelunterricht ohne die Anwesenheit der Eltern auskommen müssen, ist umso mehr die Selbständigkeit der Kinder wichtig. Daher beschlossen wir frühestens mit Beginn der zweiten Klasse zu beginnen. Außerdem sind die Kinder dann mit allen Abläufen und Örtlichkeiten der Schule vertraut. Dieser Beginn ließ sich bei unserer ersten Generation aus raumtechnischen Gründen in der Grundschule nicht durchführen, so dass wir nach Fertigstellung der zusätzlichen Räume mit Beginn des zweiten Halbjahres der zweiten Klasse begannen und das in den nächsten Musikklassengenerationen beibehielten. Hierdurch ergab sich die Konsequenz, die Musikklasse quasi als AG klassenübergreifend dem gesamten Jahrgang anzubieten, was den Vorteil hat, dass die Kinder nicht bereits zur Einschulung für eine Musikklasse angemeldet werden müssen und damit eine von den Lehrern nicht gewollte Eliteklasse entsteht, sondern alle Kinder die Chance haben, an dem Projekt teilzunehmen. Andererseits bringt es in der Folge z. T. nicht geringe Herausforderungen für die Stundenplangestaltung.

3. Welche zeitliche Struktur sollte der Unterricht im wöchentlichen Stundenplan haben?

Wo genau liegt der Unterschied zwischen Instrumentalunterricht und regulärem Schulunterricht? In der Beantwortung dieser Frage liegt der Schlüssel, um viele der eingangs gestellten Fragen zu lösen. Im Schulunterricht findet vor allem kognitiver Unterricht statt.  Er führt unter der Voraussetzung, dass der Schüler im Unterricht konzentriert ist und den Sachverhalt versteht, selbst bei durchschnittlicher Begabung mit mehr oder weniger häuslicher Nacharbeit in der Regel zu einem guten Schulabschluss. Im Gegensatz zum schulischen Lernen stellt das Lernen am Instrument eine Kombination dar aus kognitivem und körperlichem, motorischem Lernen.

Für das Erlernen eines Instrumentes reichen die Konzentration und Spielfreude im Unterricht allein nie aus. Das häusliche Üben, das letztlich für die Routinierung, die Automatisierung der im Unterricht gelernten Bewegungen sorgt, ist entscheidend. Ohne Üben wird selbst der begabteste Spieler nicht weit kommen. Dieses Üben ist für Kinder außerordentlich schwer, da der Übende erstens wissen d.h. das klangliche Ergebnis vorhören, zweitens das Ergebnis bewerten und drittens Korrekturen d.h. Bewegungsveränderungen vornehmen muss und zwar möglichst die physiologisch ökonomischen; alle drei Dinge in möglichst kurzer Zeit am besten quasi gleichzeitig. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle und Reaktionsgeschwindigkeit. Diese hohe Anforderung an die häusliche Disziplin und inhaltliche Inanspruchnahme der Kinder haben mich lange zögern lassen, den Instrumentalunterricht in die Beliebigkeit und Anonymität des Schulalltags zu bringen, wo im Gegensatz zum Einzelunterricht kein Elternteil, mit dem man zusammen arbeiten kann,  anwesend ist.
Unsere Lösung, die die Vorteile des Einzelunterrichtes und der Zusammenarbeit mit den Eltern aufwiegen sollen, ist die Häufigkeit des Unterrichts. Diese soll dafür sorgen, dass kein Kind sich fehlerhafte  Bewegungen einprägen und mangelndes häusliches Üben kompensiert werden kann.
Die  Streicher erhalten insgesamt dreimal pro Woche Unterricht in verschiedenen Formationen.
Je nach Gruppengröße erfolgt der Unterricht einmal pro Woche in Kleingruppen (2- 3 Kinder), Violine und Violoncello getrennt.  Zwei weitere Male in größeren Gruppen – Violinen und Violoncelli gemeinsam als Orchester.  Der Unterricht erfolgt im Rahmen des Schulvormittags. Die Dichte des Unterrichtes ist wesentlicher Bestandteil des Konzeptes.
Im Kleingruppenunterricht  werden technische instrumentenspezifische Dinge erarbeitet und neue Stücke eingeführt, die in den Ensemblestunden in der Großgruppe wiederholt und vertieft werden. Alle beteiligten Lehrer, die in engem Kontakt stehen, erhalten jeweils am Sonntag den Wochenplan für die kommende Woche.
Jedes Kind hat also mindestens 3x pro Woche betreut ca. 45 Minuten geübt. Das ist mehr als viele – ich möchte sagen die meisten- Instrumentalschüler, die in der Musikschule Einzel- oder Gruppenunterricht haben, im Laufe der Woche an Übungszeit erreichen. So kommt es also, dass begabte aber faule oder vom Elternhaus nicht betreute Kinder trotzdem erfolgreich sein können.

4. Wie sollte der Unterricht im Detail ablaufen?

Diese Frage lässt sich sicherlich nicht durchgängig verallgemeinern. Ich selbst habe vor Gründung der Streicherakademie eine Methodik entwickelt, deren wichtigste Bestandteile auch im Gruppenunterricht zur Anwendung kommen.
 
Relative Solmisation
Für die  Streicherklasse stellt die Solmisation eine gar nicht hoch genug zu bewertende Möglichkeit dar, den Kindern Musik zu vermitteln ohne den Umweg über Noten. Die Kinder lernen die Umsetzung der Tonhöhen und des Rhythmus zunächst über die Singnamen und Handzeichen. Die Reihenfolge ein neues Stück zu lernen ist zunächst immer die gleiche: Solmisieren mit Handzeichen, evtl. singen mit Text und Handzeichen, zupfen, streichen. Die Musik wird so direkt aus dem Kopf in das Instrument weitergeleitet. Beim Einstudieren und teilweise bei Konzerten zur Sicherheit helfen die Handzeichen der Lehrer, die sozusagen als Notenersatz fungieren.

Auswendig Spielen im Orchester
Spielen ohne Noten führt dazu, dass die Kinder von Anfang an ihr musikalisches Gedächtnis trainieren und mitdenken. Gerade bei den im Orchester für Anfänger spielbaren „easy“ Stimmen ist es notwendig, die Struktur zu durchschauen, um sie auswendig zu spielen. Der Verzicht auf Noten und Notenständer, löst nicht nur das zeitraubende Problem der ständig herunter fallenden Notenblätter, sondern garantiert die unbedingte Aufmerksamkeit auf den oder die „Orchesterleiter“ und die Konzentration auf die innerlich vorgehörte Musik.

Freie Bewegung beim Geigenspiel
Ohne in diesem Rahmen auf Details eingehen zu können, sei soviel vermerkt. Instrumentalspiel ist wie schon mehrfach erwähnt zunächst einmal  Körperbewegung. In der Instrumentalausbildung ist der Umgang mit dem eigenen Körper von zentraler Bedeutung.  So sind wir im Unterricht immer wieder auf der Suche nach optimalen Bewegungsabläufen, die bewirken, dass man mit möglichst wenig Aufwand, mit möglichst wenig Anstrengung und unnötigem Krafteinsatz sein Ziel erreicht. Nur dann kann man Virtuosität erlangen, wenn alle Bewegungsabläufe möglichst ökonomisch ablaufen, wenn man also nicht z.B. für den kleinsten Saitenwechsel eine riesige Bewegung machen muss und der Körper insgesamt eins wird mit dem Instrument und dem Bogen.
Der sicherlich größte äußerlich sichtbare Unterschied meiner Methode zu den allermeisten Geigern in Deutschland ist das Spiel ohne Stütze. Die Geigenstütze wurde vor ca. 50 Jahren erfunden, um den Abstand zwischen Kinn und Schulter zu verringern und das, wenn der Geiger einen langen Hals hat,  notwendige Hochziehen der Schulter zu verhindern. Tatsächlich wird jedoch in den allermeisten Fällen oft unmerklich gerade durch die Schulterstütze die Schulter (leicht) angezogen mit langfristig verheerenden Auswirkungen in der oberen Halswirbelsäule.
Meine fast 20-jährige Suche nach der optimalen Geigenhaltung und viele Irrwege ließen mich eine Technik der freien Geigenhaltung ohne „Klemmen“ finden. Viele gute und sehr gute Geiger beherrschen sie.  Bei Zigeunern habe ich sie häufig gesehen. Die allermeisten Spieler ohne Stütze wissen aber in der Regel, nicht, was sie technisch genau tun und warum es den allermeisten Geigern, die mit Stütze gelernt haben, unmöglich ist, ohne Stütze zu spielen. Ohne dogmatisch zu sein- bei einigen Anatomien ist eine Geigenstütze durchaus sinnvoll- ermöglicht meine Technik eine freie Violinhaltung ohne Anspannung der Schulter und des Kopfes  bei gleichzeitig freiem linken Arm und verhindert durch unverkrampftes Geigenspiel damit die üblichen Geigererkrankungen. Die Geige ist quasi der verlängerte linke Arm und integriert, wenn die Balance stimmt, damit das Instrument  vollkommen in den Körper.

Besondere Anforderungen im Gruppenunterricht
Wichtigstes Ziel im Gruppenunterricht ist die optimale Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Zeit. Die Instrumente sollten vor Beginn der Stunde bereits gestimmt werden und die Celli möglichst mit ausgefahrenem Stachel am Platz liegen. Die Stuhlanaordnung möglichst im Halbkreis sollte ebenfalls vorher bereit gestellt sein.
Was den Unterricht als solchen angeht, muss der Gruppenunterrichtslehrer noch viel klarer und kleinschrittiger als im Einzelunterricht über Bewegungsabläufe Bescheid wissen, sie im Detail analysieren, in Kleinstbausteine zerlegen und sprachlich für alle verständlich als Anweisung widergeben können, um sie danach u. U. noch einmal portioniert von den Schülern umsetzen zu lassen. Individuelle Probleme müssen individuell angesprochen werden, möglichst spontan „Gegenübungen“ erfunden, und wo es sinnvoll und möglich ist, im gemeinsamen Spiel (jeder bewältigt seine eigenen Probleme) bewältigt werden. Man sollte eine gute Ausgewogenheit finden zwischen Gruppenspiel und Solospiel. Gerade im Gruppenunterricht ist das Solospiel wichtig, damit sich keiner verstecken kann. Hier lassen sich auch unterschiedlich anspruchsvolle gezielt auf das Vermögen der Kinder ausgerichtete Übungen erfinden. Die gruppenfähigen Übungen sollten  für alle bewältigbar sein.
Niemals sollten mehrere Probleme pro Schüler gleichzeitig behandelt, sondern „Baustellen“ immer einzeln bearbeitet werden. Schon die Produktion eines einzigen Tones hat so viele Aspekte: Instrument richtig halten,  Bogen auf der richtigen Saite, an der richtigen Stelle, in der richtigen Bogengeschwindigkeit, mit der richtigen Bogenrichtung und dem richtigen Bogengewicht. Hier gibt es ohne die Finger der linken Hand eingesetzt zu haben schon allein sechs potentielle Fehlerquellen, die zu einem wenn überhaupt unschönen Ton führen. Niemand kann auf mehrere Dinge gleichzeitig achten. Daher sind die Probleme unbedingt zu trennen.
In der Gruppe muss immer mit „Einsatz Geben“ gearbeitet werden, da alle gleichzeitig anfangen müssen. Das trainiert natürlich sowohl Führungsfähigkeiten als auch das Tempoverständnis.
Eine wunderbare Methode ist es, während des Spieles herumgehen und durch behutsames Anfassen zu korrigieren. Das Geheimnis, alle mitzunehmen und optimal zu fördern, besteht in der Fähigkeit des Lehrers einerseits die für alle gültige Aufgabe zu benennen, und andererseits die für jedes einzelne Kind speziell zu beachtenden Dinge vorher zu erinnern und während des Spiels durch Berührung oder Hinweise zu korrigieren. So wird kollektiv und gleichzeitig individuell geübt.
Im Unterricht sollte möglichst viel gespielt werden. Wenn man bedenkt, dass lt. Forschung zum Erlernen bzw. Automatisieren einer Bewegung 10.000 Wiederholungen nötig sind, ist jede Minute „richtiges“ Spiel ungeheuer wichtig. Das ist zu Hause eben nicht gewährleistet.

5. Wie kann eine Nachhaltigkeit gelingen?

Jede musikalische Ausbildung, ob Stimme oder Instrument, braucht viel Zeit und niemand, der ein solches Projekt stemmt, denkt kurzfristig. Nichts ist schlimmer für den Musikpädagogen, als dass Kinder, welche die ersten schweren Hürden genommen haben, dann aufhören aus Gründen, die mit Musik nichts zu tun haben. Unser einjähriges Projekt sollte also möglichst bis zum Ende der Grundschulzeit und darüber hinaus fortgesetzt werden.

Ein wichtiges Kriterium im langfristigen Unterricht ist das Durchhaltevermögen. Durststrecken, in denen man wenig Lust hat, besonders keine Lust hat zum Üben, gibt es immer. Wir begegnen dem mit kleinen Motivationshilfen im Unterricht in Form von Punkten, die in Gummibärchen eingelöst werden können und großen in Form von möglichst häufigen und regelmäßigen Auftritten; in Form von nicht öffentlichen Vorspielen, musikalische Umrahmung von Schulveranstaltungen und sogar öffentlichen Konzerten, in denen die Streicherklassenkinder auch andere Kinder und fortgeschrittene Jugendliche der Streicherakademie hören und mit ihnen spielen. Das alles bewirkt jeweils einen enormen Motivationsschub.

6. Wie geht man mit unterschiedlichen Begabungen und Fleiß um?

Im ersten Halbjahr Instrumentalunterricht haben wir vergleichsweise wenige Probleme mit unterschiedlichem Vorankommen. Die Gruppen entwickelten sich einigermaßen homogen.

Unser erster Durchgang bestand aus 21 Kindern, die in den Tuttiproben von drei Dozenten betreut wurden, so dass jeweils zwei Lehrer mit Kindern den Raum verlassen und extra üben konnten.
Je mehr Unterricht stattgefunden hat, desto größer können naturgemäß die durch unterschiedliche Begabung und Fleiß entstandenen Unterschiede werden. Hier gilt es, wie überhaupt im ganzen Projekt, flexibel zu reagieren. Unser erster Durchgang erhielt im zweiten Jahr einen Nachmittagsunterricht mit Zweiergruppen bzw. Einzelunterricht. Hier können viele Entwicklungsunterschiede kompensiert werden. Dem einen reichen die Ensemblestücke, der andere lernt nebenbei noch ein Soloprogramm.
Trotz allem möchte ich nicht verschweigen, dass wir deutliche Unterschiede der Schüler feststellen, die sich z. Teil auch nicht wegüben lassen. Wir haben z. B. in der gleichen Streicherklasse ein Kind mit einer auditiven Wahrnehmungsstörung und eines mit einer extremen Hochbegabung.
Da unser Ansatz der einer optimalen Förderung bei gleichzeitiger Integration der weniger begabten Kinder ist, und die Freude des Zusammenspieles im Vordergrund steht, versuchen wir die Unterschiede, die ja nur im Ensemblespiel Probleme machen könnten, durch innere Differenzierung beim Orchesterspiel zu lösen. So darf der begabte und mit seiner leichten Cellostimme unterforderte Cellist z. B. die 1. oder 2.
Violinstimme (oktaviert) mitspielen, während der mit der 1. Violinstimme überforderte Geiger eine „easy Stimme“ erhält, die er bewältigen kann.

7. Wie geht man mit Disziplinproblemen in der Gruppe um?

Der Unterschied zwischen einer Schulklasse, die Mathematik- oder Deutschunterricht erhält, und einer Klasse, die Geigenunterricht erhält oder in einem Ensemble musiziert, ist die Tatsache, dass es für die Mitschüler im Mathematikunterricht nichts ausmacht, wenn einer oder mehrere nicht aufpassen oder den Sachverhalt nicht verstehen, dies jedoch ein Orchesterspiel unmöglich macht, da jedes nicht verstandene Detail akustische Konsequenzen hat. Herausragende Aufgabe des Lehrers ist also die unbedingte Einforderung der Aufmerksamkeit eines jeden Teilnehmers. Hinzu kommt die Einforderung der notwendigen Disziplin, nicht zu zupfen, zu streichen, etwas auf dem Instrument auszuprobieren oder mit dem Nachbarn zu reden oder Quatsch zu machen. Dieses ist nach fast drei Jahren Streicherklassenerfahrung in meinen Augen der Nerven aufreibendste Aspekt der Arbeit; leider aber gleichzeitig die eigentliche Voraussetzung für die Ensemblearbeit. Nur in der stillen konzentrierten Grundhaltung können Anweisungen verstanden und dann umgesetzt werden. Komplexe Strichanweisungen, Melodielinien, musikalische Formabläufe und vieles mehr müssen im Vorfeld von allen verstanden und  memoriert und umgesetzt werden, insbesondere dann, wenn man auswendig spielt. Um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, das dann so oft wiederholt wird, bis alle es können, müssen alle Kinder dies schon beim ersten Durchgang zumindest andeutungsweise schaffen.

Mein Umgang mit dieser manchmal fast menschenunmöglichen Aufgabe, die Kinder zur Ruhe zu bekommen, war, die Nerven zu behalten, hohe Frustrationstoleranz zu bewahren, konsequent zu sein,  Liebe und Strenge walten zu lassen, versuchen gerecht zu sein, Geduld und Humor zu haben und (selten) es zu thematisieren und an die Vernunft der Kinder zu appellieren. Dass Unterrichtsstunden in Bezug auf diszipliniertes Schülerverhalten sehr unterschiedlich verlaufen können, ist wohl jedem potentiellen Lehrer klar, aber wie unterschiedlich dies sein kann, ohne dass äußere Umstände sich ändern, kann sich wohl keiner, der es nicht erlebt hat, vorstellen. Eine Patentlösung für den Umgang damit habe ich nicht gefunden.

8. Wie lässt sich das Projekt in den Schulalltag integrieren?

Zunächst braucht man die Kooperation und den unbedingten Rückhalt der Schule. Das ganze Kollegium sollte das Projekt schätzen, da doch häufig Rücksicht zu nehmen ist.

Je nach Gruppengröße muss die Schule entsprechende Räume zur Verfügung stellen. Mindestens einmal pro Woche sollte für den Tuttiunterricht ein Klavier zur Verfügung stehen.
Außerdem muss der Stundenplan aller beteiligten Jahrgänge abgestimmt sein. Damit der Streicherunterricht nicht immer in den Randstunden  und womöglich in der 7. Stunde stattfinden muss, wurde für eine Projektstunde eine der zwei regulären Musikstunden genommen, für die zweite Stunde die AG Stunde und für die dritte Stunde am Freitag von 13 -14 Uhr geprobt.

9. Wie lässt sich das Projekt finanzieren?

Da die Streicherakademie keine staatliche oder städtische Unterstützung erhält, musste die Finanzierung ausschließlich über private Finanzierung durch die Eltern erfolgen. Für die Chorklasse belaufen sich die Kosten auf mtl. 25 €. Für die Streicherklassen entstehen je nach Gruppengröße unterschiedliche Kosten, die jeweils variieren. (mtl. 49€ – 85€) Vereinzelt konnten kleinere Stipendien die Instrumentenmiete betreffend vom Geigenbauer oder der Streicherakademie vergeben werden.

Persönliches Fazit

Das Musikklassen-/Streicherklassenprojekt steht und fällt mit den unterrichtenden Lehrern.

Der kompetente Geigen- bzw. Cellolehrer beherrscht die Solmisation und die Literatur, er hat exaktes Wissen um die Bewegungsvorgänge und –abläufe, den Aufbau dieser und die genaue Analysefähigkeit, warum das erwartete klangliche Ergebnis nicht erreicht wird. Er hat darüber hinaus die Fähigkeit, zur Behebung der Fehler spontan eine Übung zu erfinden.
Er hat Humor und eine grundsätzliche Liebe zu Kindern.
Der kompetente Instrumentallehrer ist außerdem eine Persönlichkeit, die im Ensembleunterricht den Nerv hat, den Krach auszuhalten und die Disziplin einzufordern, die nötig ist, um notwendige musikalische und außermusikalische Dinge umzusetzen.
Wenn das gewährleistet ist, dann ist die Streicherklassenarbeit nicht nur eine wunderbare Ergänzung zum herkömmlichen Einzelunterricht sondern eine unglaubliche Verbesserung, ich möchte fast sagen, eine kleine Revolution  in der Instrumentalpädagogik, die es wert wäre in großem Stil umgesetzt zu werden.
Alle Aspekte des sozialen und musikalischen Miteinanders, die im herkömmlichen Einzelunterricht keine Rolle spielen (können), werden hier gebraucht und erlernt und dienen gleichzeitig dem Motivationserhalt und der musikalischen Ausbildung: aufeinander hören; nicht aufhören, wenn man sich verspielt hat, sondern sich wieder einfinden, sich im Tempo anpassen, Einsätze geben, andere beobachten und beurteilen , dadurch sich selbst besser erkennen und kontrollieren lernen, Kritik ertragen, anderen helfen, wenn sie „raus“ sind,  Teamfähigkeit. Die kognitiven Transfereffekte sind hinreichend belegt. Außerdem bietet das Musizieren enorme Chancen der emotionalen Ventilierung. Gerade diese  emotionalen Effekte halte ich persönlich für nicht zu überschätzen. Kinder und pubertierende Jugendliche erfahren durch das Musizieren eine Art emotionales Ventil bei gleichzeitiger Energieaufladung.
Sind Streicherklassen möglich oder sinnvoll?
Unter den genannten Voraussetzungen halte ich die Streicherklassenarbeit für eine grandiose Chance, endlich im eigenen Land unsere zukünftigen professionellen Musiker von Beginn an selbst auszubilden und glaube, dass sie so umgesetzt das Zeug hat, zu einer Revolution in der westlichen Instrumentalpädagogik zu werden.

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